Tarot und Gamification: Wenn Selbstreflexion zum Spiel wird

Illustration der Tarotkarte DER MOND

Tarot und Gamification – das klingt auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Kombination. Dabei ist die Idee näher an der Psychologie als an einem Zockertisch: Tarot und Gamification beschreibt, wie Karten-Systeme gezielt als spielerische Rahmenwerke für Selbstreflexion und Lernen eingesetzt werden. Nicht als Orakel, nicht als Kristallkugel – sondern als interaktives Werkzeug, das das Unbewusste auf eine fast spielerische Art anspricht. C.G. Jung hätte vermutlich genickt.

Was bedeutet eigentlich Gamification?

Gamification bezeichnet die Übertragung spieltypischer Elemente – wie Punkte, Level, Belohnungen oder narrative Strukturen – auf spielfremde Kontexte. Das Ziel: Motivation, Engagement und Lerneffekte steigern, indem Prozesse so gestaltet werden, dass sie sich weniger nach Pflicht und mehr nach Spiel anfühlen.

Von Kartenspiel zu psychologischem Spielfeld

Tarot begann historisch tatsächlich als Unterhaltungsspiel, und genau hier schließt sich ein interessanter Kreis. Was heute vielen als esoterisches Ritual gilt, war ursprünglich ein Spiel mit Regeln, Zügen und Strategie. Die moderne Gamification knüpft an genau diese spielerische Grundstruktur an: Sie nutzt die archetypische Bildsprache des Tarots, um psychologische Prozesse strukturiert und gleichzeitig niedrigschwellig zugänglich zu machen.

Das Besondere daran: Gamification senkt die Hemmschwelle. Wer ein Kartenspiel zieht, ist innerlich weniger verkrampft als jemand, der sich vornimmt, jetzt „tiefe Selbstreflexion“ zu betreiben. Das Spielelement entspannt das Ego; Und genau das öffnet den Zugang zu Inhalten, die sonst gern unter der Oberfläche bleiben. Das ist kein esoterischer Trick, das ist schlichte Projektionspsychologie.

Self Arcana: Tarot und Gamification als kollaboratives Rollenspiel

Ein gelungener erster Test über eine gelungene Nutzung von Tarot und Gamification ist das Projekt Self Arcana von 2023, einem kollaborativen Storytelling-Kartenspiel. Das Studien-Projekt verfolgte das Ziel, psychologische Prozesse durch spielerische Mechanismen greifbar zu machen.

Was es von klassischen Tarot-Sitzungen unterschied: Statt ein vorgefertigtes Deck zu nutzen, erstellten die Teilnehmenden ihre Karten vor der Sitzung selbst, basierend auf ganz persönlichen Symbolen und Bildern. Danach zogen sie Karten aus dem Deck und erstellten mit den anderen Spielern eine Geschichte in 5 Akten.

Die Studie zeigte: Interessanterweise wurde der Prozess des Karten-Erstellens und das damit verbundene Nachdenken über die eigenen Symbole, als der bedeutendste Teil des Reflexionsprozesses beschrieben. Was einen bewegt, antreibt, oder ängstigt: Alles floss in die Gestaltung ein, lange bevor die erste Karte gezogen wurde.

Gespielt wurde dann im sogenannten „Magischen Zirkel“. In einem Raum, in dem das Rollenspiel regiert und der Alltagsverstand kurz Pause macht. Psychologisch gesprochen: Das Ich durfte seine Kontrolle lockern, und unbewusste Inhalte bekamen Raum (Jung würde das vielleicht als Schattenarbeit bezeichnen). Nicht durch Trance oder Mystik, sondern durch Spielen.

Zum Ende der Sitzung führten die Spieler Rituale durch, die an die Psychotherapie angelehnt sind, um das Erlebte zu verarbeiten: Jeder wählte eine Karte, …

  • die er verändert (einen Aspekt transformieren)
  • die er verbrennt (etwas loslassen).
  • die er behält (etwas integrieren)

Die Autoren des Projekts kündigten weitere Forschungsarbeiten an.

Playful Learning: Tarot und Gamification in der Lehrerausbildung

Noch unerwarteter: Tarot-basierte Systeme tauchen inzwischen in der pädagogischen Ausbildung auf.

Eine Studie zeigte, dass ein Tarot-ähnliches Spiel Lehrkräfte darin unterstützt, die eigene Arbeit aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Die Reflexion über die Karten half dabei, über Gefühle und Handlungen zu sprechen, für die es sonst im Schulalltag oft keine Worte gibt. Schon das physische Ziehen und Umdrehen der Karten wurde als Erfahrung erlebt, die das starre Denken auflockerte. Außerdem trauten sich Lehrkräfte durch die Impulse der Karten eher, ungewöhnliche und lebendige Lernmethoden auszuprobieren, die über das übliche „brave“ Lernen hinausgehen

Warum Tarot und Gamification psychologisch so wirksam ist

C.G. Jung beschrieb Tarotkarten einmal als psychologische Bilder, mit denen das Unbewusste spielt – ähnlich wie es seine Inhalte in Träumen kombiniert und neu zusammensetzt. Das ist eine bemerkenswert nüchterne Beschreibung für jemanden, dem gern mystisches Denken unterstellt wird. Für Jung war Tarot kein Orakel, sondern ein Spielzeug des Unbewussten.

Genau das macht Tarot und Gamification so interessant: Die spielerische Struktur verstärkt genau den Mechanismus, den Jung beschrieben hat. Das physische Auswählen, Mischen und Umdrehen von Karten ist an sich ein rituelles Spiel: Es aktiviert Aufmerksamkeit, schafft einen Moment der Erwartung und macht das Ergebnis bedeutsam, ohne dass es vorab festgelegt wäre.

Hinzu kommt das sogenannte Narrative Scaffolding: Die Struktur von Legesystemen – welche Karte steht für die Vergangenheit, welche für Ressourcen, welche für die nächste Handlungsmöglichkeit – gibt chaotischen Erlebnissen einen Rahmen. Nicht weil die Karten eine Wahrheit enthüllen, sondern weil das Gehirn besser denken kann, wenn es eine Geschichte konstruiert. Das ist kognitive Psychologie, keine Magie. Mehr dazu, wie narratives Denken in der Selbstreflexion wirkt, findest du hier.

Zum Nachdenken

Wenn du das nächste Mal eine Karte ziehst: Was wäre, wenn du sie nicht als Aussage über dich interpretierst, sondern als Spielfigur? Welche Geschichte würde diese Figur erzählen – und was davon trifft dich?


Und jetzt du: Hast du schon mal Tarot in einem spielerischen Rahmen erlebt – ob als Selbstreflexions-Tool, im Austausch mit einer anderen Person, oder vielleicht sogar in einem pädagogischen Kontext? Schreib es gerne in die Kommentare. Mich interessiert besonders: Hat der spielerische Zugang etwas verändert – im Vergleich zu einer klassischen Deutungs-Sitzung?

Quellen:

Durmus, Ayça & Topcuoglu, Sedef (2023): Self Arcana: A Self-Reflective, Story-Based Tarot Game. International Journal of Role-Playing, Issue 13.

Skovbjerg, H.M., Jørgensen, H.H., Perez Quinones, K.Z., and Bekker, T. (2022): Developing play tarot cards to support playful learning in teacher education, in Lockton, D., Lenzi, S., Hekkert, P., Oak, A., Sádaba, J., Lloyd, P. (eds.), DRS2022: Bilbao, 25 June – 3 July, Bilbao, Spain.

Clinton, Eileen (2024): „Divining the self: Applying tarot as a projective technique in counseling“. Educational Specialist, 2020-current. 97.

Au-Yeung, Y. K. (2025). The Mirror, Not the Crystal Ball: A Psychological Analysis of Tarot as a Self-Reflection Tool. Global Review of Humanities, Arts, and Society (GRHAS), 1(2), 53–59.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert