Ich bin ein analytischer Mensch. Ich neige dazu, Dinge zu durchdenken, zu strukturieren, zu bewerten. Mein berufliches und privates Umfeld ist stark von objektiven, wissenschaftlichen Ansichten geprägt. Spiritualität und Esoterik spielen dort keine Rolle.
Und trotzdem lege ich regelmäßig Tarotkarten.
Das ist kein Widerspruch, aber ich habe eine Weile gebraucht, das selbst so klar zu sehen.
Das Verkopftsein ist für mich keine Schwäche, sondern eine Beschreibung. Ich schätze Evidenz und hinterfrage. Ich bin skeptisch gegenüber Wahrsagerei und Schicksalsgläubigkeit.
Tarot bietet mir trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – einen wohltuenden Gegenpol. Eine Kartenlegung zwingt mich, nicht sofort zu analysieren, sondern zunächst einmal in Ruhe wahrzunehmen und mir Raum für Gedanken und Gefühle zu geben, die sonst diffus bleiben.
Für mich ist Tarot eine Art Gamification der Selbstreflexion mit 78 Karten, die zusammen so etwas wie eine Landkarte des menschlichen Erlebens ergeben.
Ich glaube nicht, dass Karten die Zukunft vorhersagen oder mysteriöses Wissen in sich tragen. Was ich glaube: dass mein Gehirn Muster erkennt und Bedeutungen konstruiert – aus dem, was gerade in mir vorgeht. Wenn eine Karte „perfekt passt“, zeigt das nicht, dass sie etwas weiß. Es zeigt, welche Themen mich gerade beschäftigen.
Warum psychologisches Tarot dabei so erstaunlich viel über dich verraten kann, hab ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Manchmal frage ich auch etwas zur Zukunft. Nicht weil ich eine Antwort erwarte, sondern weil meine Interpretation sichtbar macht, was ich befürchte oder erhoffe. Die Karten zeigen nicht, was passieren wird, sondern zeigen, was bereits in mir angelegt ist.
Die Karten spiegeln. Mehr nicht.
Und genau hier liegt mein Problem: Sobald das Thema aufkommt, halte ich mich zurück. Ich kenne die vorurteilsbehafteten Vorstellungen von Tarot: „Das ist Wahrsagerei und wissenschaftsfeindlich!“
Die Zuschreibung steht oft schon fest, bevor eine Differenzierung überhaupt möglich ist. Dabei steckt hinter vielen dieser Vorbehalte schlicht Unvertrautheit mit dem, wie Tarotkarten funktionieren.
Ich hasse es, dass ich dann sofort einen Erklärungsvortrag nachschiebe. Aus der Sorge, falsch beurteilt zu werden. Gleichzeitig: Ich finde nichts Falsches daran, wenn Menschen in Spiritualität Kraft und Halt finden. Religiöse Überzeugungen –die gesellschaftlich deutlich weniger unter Rechtfertigungsdruck stehen– funktionieren ja ähnlich. Sie geben Rahmen, Orientierung, Bedeutung. Wer das im Tarot findet, ist deshalb nicht naiv. Das Bedürfnis dahinter ist das gleiche, die Wege sind nur verschieden.
Ich gehe nur einen anderen.
Was ich mir wünsche: dass Tarot irgendwann nicht mehr automatisch als Wahrsagerei gelesen wird. Dass Raum entsteht für Menschen, die damit arbeiten, ohne zu esoterisch zu sein.
Dieser Kanal ist mein Versuch, genau diesen Raum zu schaffen. Kein Manifest und kein Gegenentwurf zur Esoterik. Nur ein Angebot: Tarot als Werkzeug. Als Spiegel. Für alle, die hinschauen wollen. Von welcher Seite auch immer.
Wenn du neu hier bist oder den größeren Zusammenhang suchst, dann starte am besten mit meinem Hauptartikel zum psychologischen Tarot.
